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Auf dem Jackobsweg
Auf dem Teilstück Rothenburg o.T. / Rottenburg
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1. Tag - Wir sind auf dem Weg
Wir, das heißt die Familie Stier, haben beschlossen, uns auf den Weg nach Santiago de Compostela zu machen. Schritt für Schritt, von der Haustüre zu Hause bis nach SdC in Spanien. Leider haben wir nicht die Möglichkeit, einfach mal für mehrere Wochen „weg „zu sein – so gehen wir eben das ganze in Etappen- jedes Jahr ein Stückchen weiter. Unsere Kinder sind noch relativ klein , die können noch nicht so weit wandern, ich hab nicht die Lust, das ganze Gepäck zu tragen - deshalb müssen unsere 2 Pferde als Packtiere mit. Auch der Hund geht mit auf die Reise.
Da kommt schon einiges zusammen: 5 x Schlafsäcke, 5x Isomatten, für jeden Klamotten, Vesperzeug, Zelt, Pferdezeug , Windeln(!)… ich war erstaunt, wie viel das ist, obwohl wir dachten wir sind sparsam!
Beim Probepacken wird alles penibel abgewogen, damit die Taschen beidseitig gleichmäßig schwer sind, die Zorra bekommt nicht so viel aufgebrummt, da sie weniger Kondition hat, als ihre Mutter Hakima. Enzo, der Hund muß sein Futter in seinen Hundepacktaschen selber tragen.
Und dann gings los - im Regen! Wir begehen den Jakobsweg Rothenburg o.T. /Rottenburg der führt hier in der Nähe vorbei. Die erste Etappe ist noch heimisches Gelände.
Wegen dem schlechten Wetter haben wir morgens noch umgeplant und direkt vor dem Start einer guten Freundin auf den Anrufbeantworter gesprochen, dass wir heute Abend mit Sack und Pack bei ihr zu nächtigen gedenken. Eine gute Freundschaft wird’s schon aushalten… Unterwegs mussten wir uns ab und zu unterstellen, dabei konnte man gut die Zeit zum Windeln wechseln oder Brotzeit machen nutzen. Die 2 Großen machten Blödsinn, sie pinkelten vor Langeweile in einen (leeren) Dorfbunnen und kassieren dafür einen Anschiß von einer Anwohnerin, dafür hat der Klemens ihr dann in den Vorgarten hinter die Koniferen gekackt - aber das haben sie uns erst später erzählt!
Wir Eltern haben nix davon mitbekommen, wir saßen in einem Bushäuschen und ruhten uns aus. Es ging etwas hart an diesem ersten Tag - der Kopf war schneller als die Beine.
Wir fallen bei Annegret und Albrecht in Orlach ein – kurz vor dem Ortschild finden wir die erste Jakobsmuschel- dieses Schildchen wird uns die nächsten Tage leiten. Bei Fam. Pfeiffer können wir für die Pferde im Obstgarten einen Paddock aufbauen, die Menschen finden im großen Haus ein bequemes Quartier. Es ist ein gemütlicher Abend bei lieben Freunden! In der Nacht fällt die kleine Greta gleich 2 mal aus dem Bett, aber es ist nix schlimmeres passiert.
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2.Tag
Annegret verwöhnt uns mit einem üppigen Frühstück. Heute will unsere Freundin Elli mit uns wandern, sie kommt mit ihrem Hund Lazslo. Bis das ganze Geraffel zusammen gepackt und auf den Pferden ist vergeht eine Weile.
Wir ziehen aus dem Dorf bis zum Wanderweg mit der Jakobsmuschel. Vorbei am Wasserfraale – einer romantischen Quelle in der Schlucht . Verwunschene , teilweise zugewucherte Waldwege geleiten uns hinab ins Kochertal. Pause vor der Bäckerei in Braunsbach, ein Snack für die Kinder, die Großen bekommen einen Kaffee. Die Pferde werden bewundert, wie cool die da geparkt sind - trotz Bussen, LKWs , Traktoren und nerviger Kids – die bleiben souverän und ruhen sich aus. Weiter geht’s unter der riesigen Autobahnbrücke der A6 hindurch hinein in die Einsamkeit der Wälder. Ich bin jetzt schon begeistert von den Jakobspfaden .Tolle Streckenführung, gut gekennzeichnet - man braucht eigentlich keine Karte, - aber nur für Wanderer ausgelegt! Auf einem relativ einfachen Wegstück laufe ich hinter dem dicken Hintern der Hakima her und denk noch so bei mir: - dieses gleichmäßige Hufgeklapper das schläfert aber richtig schön ein- als es mich wie ein Blitz durchzuckt !!Das Kind!! Ich dreh mich um – und Greta kippt geradewegs in meine Arme! Wie heißt es doch so schön: Jakobus wird`s schon richten! Jakobus sei Dank! Er hats gerichtet! Das Kind ist nicht einmal wach geworden - ich trage sie einfach weiter- bis zur nächsten Bank wird es schon gehen… ohhh die nächste Bank war fern! Pilgern hat ja manchmal auch was mit Buße zu tun- nur wüsste ich nicht, für was ich büssen muß – bin doch ein netter Kerl - dachte ich zumindest…
Kaum habe ich dann endlich eine Bank gefunden, wo ich das schlafende Kindlein ablegen kann, war dasselbige augenblicklich putzmunter und der arme Vater völlig erschöpft!
Ich bin noch ziemlich angespannt und kann noch nicht von zu Hause und vom Geschäft loslassen. Es nervt mich sehr, wenn wir keine Rhythmus rein bekommen - kaum hat sich die Kolonne in Bewegung gesetzt, ist schon wieder etwas, das uns zu anhalten zwingt - entweder muß einer Pippi, einer stolpert über die Hundeleine und braucht ein Pflaster, etwas fällt runter undsoweiterundsofort…. Kurz vor Schwäbisch Hall , wieder oben an der Hangkante zum tiefen Kochertal. Der Pfad lässt sich ganz ordentlich an – hübsch, so ein Waldpfad direkt am Rande der Stadt.
Links geht’s steil den Berg hinauf, rechts geht’s sehr sehr! steil den Abhang hinunter! Vorsichtshalber müssen die Kinder absteigen hinterher gehen. Der Pfad wird immer schmaler und eh wir uns versehen, ist kein Platz mehr zum wenden. Und so geht es rund anderthalb Kilometer… Dann kommt die erste Brücke! Horror! Der Papa joggt vorsichtshalber voraus und schaut, ob noch mehr Hindernisse kommen - wir werden es wagen. Zurück bei der Brücke werden die Packtaschen der Pferde auf das Geländer angehoben - sie sind zu breit. Schritt für Schritt geht es hinüber. Ein Stück weiter führt der Pfad über das Flachdach des Diak! (Krankenhaus) – das Gebäude ist „in“ den Berg hinein gebaut, ein paar Kids hocken rum und rauchen. Kurz darauf besteht die Möglichkeit, den Trampelpfad zu verlassen und auf das Klinik Gelände zu gelangen. Über Spazierwege in engen Serpentinen gelangen wir auf die Strasse hinunter. Kurz darauf kommen wir am anderen Ende das Waldweges vorbei- er endet in einer engen langen Treppe auf der Strasse - zum Glück sind wir rechtzeitig abgebogen!! Keine 2 Strassen weiter wohnt eine Bekannte von uns – mitsamt ihren Pferden in der Stadt- sie nennt es Paddockpiraterie - denn sie hat für ihre schicken Vollblutaraber riesige Sandpaddocks auf Brachland der Stadt anlegen lassen. Wir kommen natürlich, wie es sich für Pilger gehört unangemeldet – und werden sehr herzlich aufgenommen!
Die Tiere werden versorgt, die Menschen finden Quartier in den Gästezimmern unter Dach. Ich habe unseren Hufschmied angerufen, ob er kommen und nach Zorra schauen kann, denn schon nach 2 Tagesetappen sind ihre Hufe hart an der Grenze. Unser Schmied ist ein Goldstück - er hatte uns schon zum Ungarnritt damals versprochen, dass er bei einem Problem einfach per Motorrad nachkommt und die Hufe richtet - damals haben wir ihn nicht gebrauch t- dafür jetzt - praktisch noch zu Hause( peinlich!) Natürlich kommt Detlef prompt, bringt auch noch unsere Freundin Eva mit - uns so verbringen wir nach dem Beschlagen einen spassigen Abend im Garten von unserer Gastgeberin Ursl.
Die Kinder schlafen schon längst im Matratzenlager, während wir Erwachsene noch so manches Fläschchen Rotwein leeren.
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3. Tag
Ausgiebiges Frühstück. Steffi packt die Taschen, ich richte die Pferde – es dauert noch immer sehr lange - so viele Handgriffe, bis alles ordentlich sitzt. Heute hat Ursi Urlaub und möchte uns ein Stück durch die Stadt mit wandern. Unsere Freundin Elli ist auch wieder gekommen und hat ihren Hund Laszlo mitgebracht. Die Kinder dürfen Ursis kleine Hunde an der Leine führen und sind SEHR stolz! Die neuen Hufeisen klappern fröhlich auf dem Pflaster – toller Service von Detlef! Ich bin guten Mutes. Durch den Friedhof (da reitet Ursl immer), Unterführungen, Fußgängerzone - rein in die schöne Stadt Schwäbisch Hall. In der Gelbinger Gasse hat unsere Freundin Heike einen Laden im alten „Josenturm“ – ehem. Jodokuskapelle – im Mittelalter waren schon Pilger hier - wie passend. Hier bekommen wir ein zweites Frühstück und den ersten Stempel in unser Credencial!
Die Karawane- so viele Hunde heute- zieht durch die schöne Altstadt- vielfach bestaunt und fröhlich gegrüßt- durch die Ackeranlagen- heute Park- hinaus in Richtung Steinbach.
Wir verlassen den Jakobsweg und folgen der Strasse - einfacher für uns mit den Pferden. Pause im Feld, Ursi verlässt uns hier - ihr winziger Hund wurde von einer Biene gestochen.
Herzlicher Abschied - wir wandern weiter- raus aus dem Tal zur Höhe hin. Steil, heiß.
Heute bekommt Laszlo Enzo`s Packtaschen drauf - er ist fit und soll ruhig was arbeiten - sein Freund Enzo ist durch die letzten 2 Tage schon etwas ruhiger geworden. Die Pferde gehen frisch vorwärts ihnen gefällt das Vagabundendasein. Zorra hat heute auch ihren Rhythmus gefunden - am Anfang war sie noch etwas unstet, ihre Mutter dagegen läuft wie eine Maschine, schön gleichmäßig. Das ist wichtiger als man denkt, das Gehampel- drei Schritte schneller, einer langsam, einer seitwärts - kostet Kraft und zerrt an den Nerven ohne dass man es richtig merkt. Es ist anstrengend heute - heiß. Wir beschließen, schon im nächsten größeren Dorf einzukehren, die Kinder auf irgendeinem Spielplatz „auszuwildern“ und dann in aller Ruhe nach einem Quartier zu suchen. Uttenhofen.
Schon Punkt eins funktioniert nicht- alle Kneipen sind geschlossen - die Wirte in den Sommerferien oder „geschlossenen Gesellschaft“ – und es ist heiß!
Auf dem Hof von Sattler Eisenmann können wir die Pferde unterbringen, aber für uns Menschen muß ich noch nach einem Platz suchen. Ich bin müde und ausgetrocknet, die Kinder graben schon des Sattlers Reitplatz um. Ich beschließe: Papa will heut Nacht ein Bett! Das eine Gasthaus vermietet Zimmer und ich bekomme eins für uns alle – super!
Zurück zum Hof, Pferde absatteln - Schreck!! Zorra hat einen großen offenen Gurtdruck! Die Haut ist aufgescheuert – und das mir - wo ich doch immer so eingebildet bin, dass meine Pferde trotz manchmal schwerer Arbeit so ordentlich dastehen – ohne Gallen an den Beinen oder irgendwelchen Drücken! Das ist mir noch nie passiert! Ich ärgere mich tierisch. Arme Zorra. Steffi beruhigt mich und meint, sooft wie ich mit Blasen an den Füssen oder zerschundenen Händen arbeite und unser Geld verdiene, da kann ihr Pferd es auch mal einen Tag mit einer Schürfwunde aushalten.
Der Sattlermeister schaut sich das Ganze natürlich auch an und erklärt mir, wie es dazu gekommen ist. Der Sattel lag sehr gut- ein alter Militärsattel, von allem Schnickschnack befreit. Aber die Lage des Gurtes war etwas problematisch bei diesem relativ kleinen Pferd. Außerdem hab ich am Morgen beim Satteln gesehen, dass da ein Stich, eine kleine Schwellung war. Ich habs gut gemeint und den Gurt knapp dahinter angezogen- hätte ich ihn flächig auf die winzige Beule drauf wäre wohl gar nichts passiert - aber so hat die Kante des Gurtes schön die Schwellung aufgerieben. Durch die Ausladung der Taschen ist da halt auch viel Bewegung drin…
Das Unternehmen Pilgertour wurde sofort abgebrochen. Das wars. 3 Tage. 9 waren geplant. Frust. Die Schwiegermutter wurde angerufen, dass sie mich und die Kinder abholt, dann bin ich mit Auto und Hänger noch mal los um Steffi und die Pferde abzuholen. Santiago ist noch weit. So kommen wir nie hin.
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4. Tag
Die Nacht zu Hause im eigenen Bett verbracht. Aber die Gedanken sind auf dem Weg… Wir waren gerade so schön rein gekommen, ich hatte den ganzen Arbeitsstress vergessen. Und hier gleich wieder die ersten Leute, die was von einem wollen, der AB blinkt…
Beim Frühstück fragt die kleine Greta, ob wir heute wieder reiten. Später kommt Klemens und meint: es ist langweilig- alle Freunde sind im Urlaub… Ich mache mir Gedanken, wie wir weiter könnten. Ohne Pferde geht nicht- die Kinder können das nicht alles laufen. Aber mit weniger Gepäck könnte gehen, dann bleibt Zorra halt ohne Sattel. Im Internet finde ich genau jetzt eine Pilger- Quartierliste für diesen Weg- wo war die vorher?
Wir finden 2 pilgerfreundliche Übernachtungsplätze - die Kosten: Spende nach unserem Ermessen - super! Also nur noch Schlafsäcke, keine Isomatten, kein Zelt, nur noch Wechsel-Unterwäsche, die Zweitgarnitur Klamotten wird gestrichen. Gretas Windeln, der Kuschelhase und Paulines Bär dürfen bleiben. Alles neu verpackt und wieder verwogen – das muß nun Hakima alleine schleppen. Zorras Wunde hat schon eine schöne Kruste bekommen und ist auch nicht geschwollen. Da könnte es eventuell sogar mit dem Kindersattel und viel Schaffellpolster gehen..?!
Also sind wir erneut los. Den ganzen Plunder, die Viecher und die Menschlein in Auto und Anhänger verstaut und ab zu unserem letzten Ort.
Das Gespann wird in einem Industriegebiet geparkt, wo es keinen stört. Das Wetter ist bestens, beim Satteln marschieren schon mal 2 Pilgerkollegen vorbei - das macht Vorfreude! Wir sind wieder auf der Strecke! Ich habe das Gefühl, daß es wirklich alle freut - die Ponys laufen wie die Maschinchen, die Kinder singen Lumpenlieder und der Hund hüpft um uns rum… Klemens klaut Mais für die Pferde bei der Rast, wir beobachten Gabelweihe und Mäusebussard.
Das Leben ist schön und schon nach einer Stunde hab ich mein Auftragsbuch, Rechnungen, Steine und Hausrenovierung völlig aus meinem Bewusstsein gestrichen. Wir finden einen tollen Spiel- und Grillplatz, wo wir eine längere Pause einlegen.
Hier ist eine wunderschöne Aussicht auf die Hohenloher Ebene, welche wir nun verlassen, denn nun werden die Hügel des schwäbisch-fränkischen Waldes von uns erpilgert. Enge steinige Pfade führen in den Hochwald. Schön kühl und schattig. Solange es auf dem Bergrücken entlang geht, kommt ab und an auch ein Windchen durch, so dass wir streckenweise sogar keine Bremsen haben - aber manchmal sind diese Viecher eine große Plage! Im tiefen Wald entdecken wir den ersten Pilger-Rastplatz mit Sinnspruch in einem Baumstamm eingraviert.
Ein Hobbykünstler hat hier gewirkt. Wir halten aber wegen den Stechviechern nicht lange an, sondern sehen zu, dass wir in Bewegung bleiben. Die Ausschilderung ist gut zu finden, die Kinder entwickeln Pfadfinderehrgeiz! Eine kurze aber stressige Strecke einem Fahrradweg der Strasse entlang – die Biker hört man nicht kommen, aber sie sind verdammt schnell! Man muß aufpassen, nicht unter die Räder zu kommen.
Schon sind wir am heutigen Ziel. Es ist eine ehem. Sägemühle, heute eine Außenstelle des Fellbacher Jugendhauses. Hier ist alles auf Kinder, Jugendliche und Familien ausgerichtet. Die haben Hühner, Schweine, Pferde, Esel und Ziegen, machen Programme und Freizeiten. Das Haus ist voll belegt mit einer großen Gruppe Alleinerziehender mit Kindern, aber wir können einen Bauwagen haben. Von aussen sieht der Karren recht verratzt aus, aber innen ist er sehr schön und gemütlich.
Vesper richtet uns der Zivi, er bringt auch die hofeigenen Pferde auf die Weide, so dass unsere die Nacht im Stall verbringen können. Die Kinder sind gar nicht müde, sie toben rund um den Hof, plantschen am Mühlkanal und nutzen die vielen Spielgeräte.
Wir nächtigen bestens, der Zivi hat schon unser Frühstück vorbereitet – wir fühlen uns priviligiert, denn die anderen Gäste müssen sich selbst versorgen. Nun müssen wir nur noch überlegen, wie viel uns diese Einkehr wert ist…
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5. Tag
Im Frühtau zu Berge wir ziehen…nun Berge stimmt, Frühtau hats im Schatten auch, aber wir sind schon fast vom Start weg naß geschwitzt. Schadet aber nichts- gut wenn einige Pfunde „wegschmelzen“.
Steil geht’s hinauf, zum Glück meist im Wald, die Kinder halten fleissig Ausschau nach Muschelschildern und sind gut drauf. Die Pferde und ich (komisch, die anderen nicht?!) werden von Bremsen geplagt. Obwohl sie eigentlich hinter mir gehen muß, kommt Hakima öfter mal nach vorne und zeigt so, dass man bitteschön eine Bremse wegklatschen soll. Zorra mit dem helleren Fell wird nicht ganz so sehr zerstochen wie die Schwarze. Heute finden wir wieder einige Ruheplätzchen mit Schnitzwerk - da meint es jemand gut mit den Pilgern!
Pauline übernimmt immer häufiger das Führen von Hakima, Klemens hat Spaß mit dem Hund. Wollten am Anfang gerade die Großen relativ viel reiten, denn laufen ist ja sooo anstrengend, so sind sie nun schleichend immer mehr zum Gehen gekommen (die Laufstrecken werden länger). Ich denke, das ist zum einen eine Konditions Sache, zum anderen wird es auch mal blöd etwas immer doof zu finden…
Eltern brauchen manchmal einen langen Atem!
An diesem Tag haben wir gefühlte 38999 Fröschlein und Krötenkinder am Weg eingefangen und dann ganz großzügig wieder frei gelassen. Bergab geht’s, so langsam raus aus dem einsamen Wäldern, vorbei an Vieh und Pferdekoppeln in einem stillen Seitental der Murr. Ein richtig schönes Dorf liegt am Weg- alte Bauernhäuser - teils liebevoll restauriert, teils wartend auf eine Wiederbelebung aus dem Dornröschenschlaf.
Am Brunnen können sich Hund und Pferde laben. Nebenan steht eine Sandsteinsäule die den Limes markiert, der einst hier entlang führte. Die Nachbarin möchte uns gerne fotografieren – auch mit unserem Foto- damit wir mal alle zusammen auf einem Bild sind- sie schafft es nicht- einen schneidet sie immer ab…
Heiß knallt die Sonne auf den Asphalt, wie wir nun gen Murrhardt wandern. Mit dem Limes haben wir aber nun ein neues Thema, wir unterhalten die Kinder mit den Römern und die Laune bleibt gut. Die Zivilisation hat uns wieder- in Murrhardt marschieren wir durch die Altstadt direkt zur Kirche- wie es sich für Pilger so gehört! Vor der Kirche liegt ein Stein mit dem Schild „Willkommen Jakobspilger“ ich muß gestehen, wenn man so müde und durstig in einer fremden Stadt ankommt, da tut so ein einfaches Schild der Seele gut!
Pauline und ich schauen uns zuerst die Kirche (gotisch) und dann die Kapelle (sehr schön romanisch) an. Es ist verblüffend, wie ein Kind die Fratzen und Bildnisse deutet - ich glaube Kinder sehen das eher so wie die einfachen Menschen im Mittelalter. Die Leute damals konnten ja auch nicht lesen und viele Informationen wurden per Bildern / Reliefs übermittelt – wir „moderne“ Menschen sehen da oft nur Zierrat oder Deko drin… Die Pferde werden im Schatten der Bäume „geparkt“, die Menschen samt Hund gehen Eis essen- ist ja schließlich Sonntag.
Am Nachbartisch sitzt ein Ehepaar in schickem Wanderoutfit – wie verratzt sehen wir dagegen aus! Unsere Duftmischung „MenschschwitzendPferdschwitzendFliegensprayversagendHundschwitzendmitBachwasser“ steht über unserem Cafetisch. Besagtes Paar hat Wanderkarten ausgebreitet und studiert den Pilgerführer welchen wir zu Hause vergessen haben. Man kommt ins Gespräch und es stellt sich heraus, dass diese Leute den Jakobsweg Rothenburg- Rottenburg mit ausbaldowert und gekennzeichnet haben. Sie sind heute auf Inspektionstour - wo sie fehlen werden die Muschelschilder ergänzt. Sie sind begeistert von unserer Pilgerfamilie und schenken jedem Kind ein Original Muschelschild.
Im Großraum Stuttgart werden diese Schilder angeblich des öfteren gestohlen oder beschädigt… Die Kinder bekommen ein großes Eis- schaffen es aber nicht- die Augen waren größer als der Hunger. Wir besuchen das Touristen-Info-Museum - eine nette Einrichtung rund um den Naturpark Schw.-Fränk.Wald. Klemens ist begeistert von einem gläsernen Bienenstock mit lebenden Bienen, Greta vom Fuchsbau, in den sie reinkriechen konnte und einen ausgestopften Fuchs drin fand.
Beim Verlassen des Museums hören wir ein Gespräch a n der Infotheke mit - die Leute unterhalten sich über eine Pilgerfamilie mit Packpferden- wir gehen grinsend vorbei. Ausserhalb von Murrhardt bekommen wir ein privates Quartier bei spannenden Menschen. Sie sind auch auf dem Jakobsweg in Etappen und bieten anderen Pilgern einen Platz für die Nacht. Die Pferde kommen auf die benachbarte Pferdekoppel, wir bekommen ein Matratzenlager im Ruheraum vor der Sauna.
Wir dürfen duschen und die verschwitzten Klamotten waschen. Die Pizzabestellung funktioniert nicht- keiner von uns kann italienisch und der Pizzabäcker kein deutsch… so kochen wir alle gemeinsam – es wird ein schöner Abend mit guten Gesprächen auf der Terrasse.
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6. Tag:
oder Tag 3 im schönen schwäbischen Naturpark… zusammengefasst: heiß, Bremsen, Wald. Aber auch: wunderschöne Pfade, teils sandig, teils steinig und durch die Sonne fühl ich mich manchmal fast wie in Frankreich.
Auf der Karte ist ein Wanderheim eingezeichnet- wir freuen uns schon auf die Einkehr. Doch wie wir hungrig und durstig ankommen hängt da ein Schild: Urlaub! Ich glaubs ja nicht: vor allem sämtliche Leute aus der Gastronomie sind in der Hochsaison im Urlaub! Aber die „location“ ist super schön : ein großer alter Fachwerkhof , bestens restauriert, umgeben von Wiesen und Hochwald- wirklich ein idyllischer Ort. Tja da trinken wir halt unser inzwischen warm gewordenes Quellwasser, welches wir morgens abgefüllt haben und trotten weiter. Wir 5 Menschlein brauchen tagsüber während dem Wandern rund 4-5Flaschen Wasser , die Pferde saufen erstaunlich wenig, der Hund bedient sich an jeder Pfütze, Brunnen, Bach- was sich halt so ergibt. Die Landschaft wird wieder offener, wir kommen gen Oppenweiler.
Gleich beim ersten Hof sind viele Hundezwinger, da werden wohl Schäferhunde gezüchtet. Und genau diese machen einen ordentlichen Radau - Enzo stellt auch gleich die Rute, aber er bleibt ordentlich „bei Fuß“. Pauline hat ihn an der Leine und er gehorcht selbst dem Kind - braver Hund- das wäre vor einigen Monaten noch nicht gegangen! Kurz darauf das nächste Hindernis, der Pilgerweg führt über eine Fußgängerbrücke über die Bahngleise am Bahnhof. Der Umweg laut Karte ist uns einfach zu weit., die Sonne hat uns das Hirn verbrannt und jetzt noch extra Kilometer Asphaltklappern wollen wir nicht. Also die Kinder voran geschickt, die sollen drüben warten, noch ein letzter Blick aufs Bahngelände, nicht dass da irgendein strenger Beamter wo rumlungert und los: steil auf der einen Seite die Treppe hoch. Es klappert fürchterlich laut - unter den Betonstufen ist eine Stahlkonstruktion - die ersten Nachbarn schauen schon über die Hecken… Dann auf der anderen Seite die Treppen wieder runter – kurzer Schreck - diese Treppe ist geteilt – auf halben Weg eine 180° Wendung – und hat zudem in der Mitte der Treppen ein weiteres Geländer - es ist eng, die Pferde passen gerade so durch, die Kurven gehen Tritt für Tritt- zweite Treppe runter und wir stehen auf dem Bahnsteig. Energisch kommt uns eine ältere Frau entgegen - ich denke schon, dass die gleich mächtig goscht (schwäbisch für schimpfen) - doch sie findet das nur cool!! Aus der Bahnhofkneipe johlen und pfeifen die üblichen Verdächtigen beim Morgenbierchen rüber und halten die Daumen in die Höhe – in dem Moment rast ein Schnellzug durch - was ein Glück, dass wir von der Brücke schon runter sind!
Noch ein Stückchen bis zur Kirche und schon müssen unsere Pony`s zum 2. Mal Nerven bewahren: hier wird gebaut und während wir uns zwischen Bagger, Kompressor, Straßenwalze und LKW durchschlängeln fallen neben uns die Linden der Motorsäge zum Opfer. Wir haben Klasse Pferde! Diese werden im Schatten an einer Strassenlaterne geparkt, der Hund als Wächter dazu und wir nehmen Platz auf der Terrasse einer Pizzeria. Am besten ganz in der Ecke, etwas abseits - die Leute sehen im Vergleich mit uns alle so sauber und „aufgeräumt“ aus. Greta stinkt - also leg ich sie unter dem Tisch trocken, Steffi wird indessen von einem Herrn vom Nachbartisch angesprochen wegen der Tiere und geht mit ihm hinüber. Als sie zurückkommt ist das Kind sauber und Steffi berichtet, dass dies der Pfarrer war, der Wasser für die Pferde und den Hund hatte und gleich noch unser Credencial abgestempelt hat. Super.
Nach dem Essen kommt die Pfarrersfamilie noch mal bei uns vorbei und wünscht uns einen gute Reise. Ich bitte ihn, die Kirche aufzuschliessen, damit wir später noch rein können. Innen ist die Kirche recht nüchtern und modern, aber an den Wänden stehen tolle Epitaphien - die Herren Sturmfeder (so hießen die!) sind hier beigesetzt. Die steinernen Männer (Ritter) stehen auf Löwen –oder Viechern wie sich ein mittelalterlicher Kollege halt einen Löwen vorgestellt hat, die Damen stehen jeweils auf einem Hund. Das finden die Kinder natürlich ganz witzig…
Um die Kirche ist jetzt endgültig die Strasse aufgebaggert, so bleibt uns nur noch der Weg durch den Park. Vorbei am hübschen Wasserschloß, dem heutigen Ratshaus. Der breite Spazierweg endet vor einer schmalen Pforte in der Parkmauer. Zorra passt durch, doch Hakima bleibt mit ihren Packtaschen stecken. Also das Pferd Schritt für Schritt rückwärts bugsiert, ich schleiche mit ihr über den Rasen und wir brechen durch die Hecke auf den Gehweg. Keine 20 m weiter sehen wir eine große Lücke in der Hecke - dort hätten wir ganz ohne Kratzer und Flurschaden durch gekonnt! Es ist drückend heiß, keine Lüftchen geht. Nach der Pause haben wir entdeckt, dass Zorras Wunde wieder aufgebrochen ist. Sie leidet und ich fühl mich schlecht. Müde wandern wir weiter. Ein nettes Gespräch am Wegesrand - ein Stadtarbeiter erzählt uns von seinen Pferden - er hat Dülmener direkt von der Wildbahn.
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Wir schleichen weiter Richtung Süden, Asphalt, durch Dörfer, entlang Strassen. Es macht gar keinen Spaß mehr. Steffi und ich beschließen kurz vor Steinbach, dass es genug ist. Der Rückhol-Service , sprich Oma Marlies wird angerufen und ein leicht zu findender Treffpunkt wird ausgemacht. So verlassen wir den Jakobsweg und gehen in Richtung B14 bei Stümpfelbach. Die Entscheidung aufzuhören wird uns leicht gemacht- denn der Himmel zieht sehr schnell zu, kein Lüftchen geht- es „riecht“ nach Gewitter. Wir finden eine Bushaltestelle an der Bundestrasse, wo Marlies uns nicht übersehen kann.
Die letzten Vorräte werden verspeist und leergetrunken, schon geht das Unwetter mit Hagel und Regenguß los. Die Pferde stehen eingepackt in die Bundeswehr-Ponchos unter alten Obstbäumen, wir sitzen unter einem Balkon einigermaßen trocken. So endet unsere Tour durch viel Natur auf einer Betonplatte .
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Die Rückkehr erfolgt wie schon gehabt, Marlies nimmt mich und die Kinder mit, lässt mich beim Gespann raus und bringt die Kinder heim. Ich fahre mit Auto und Anhänger zurück zu Steffi und hole den Rest unserer Truppe ab. Bis wir endlich in Hermuthausen ankommen sind die Kinder schon abgefüttert und gebadet. Brave Oma!! Es reicht fürs erste, der Anfang ist gemacht, wir wollen diesen Weg nun immer weitergehen, so wie wir Zeit und Laune dazu haben- und so Gott will werden wir eines Tages in Santiago de Compostela das riesige Weihrauchfaß schwingen sehen.
Unterwegs in einer Kirche fand ich folgenden Spruch: Im ersten Schritt liegt der ganze Weg….
© Bilder und Text: Schorsch Stier
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